Schlafstörung und Gedankenkarussell

„Es ist der allnächtliche Brauch einer jeden guten Mutter, nachdem die Kinder eingeschlafen sind, in deren Köpfen zu wühlen, um die Dinge für den nächsten Morgen wieder in Ordnung zu bringen und die vielen Posten wieder zurechtzurücken, die im Verlauf des Tages umhergeirrt sind. […] Es erinnert ein wenig an das Aufräumen von Schubladen. Du würdest sie auf ihren Knien vorfinden, nehme ich an, wie sie sich voller Freude über die Inhalte deiner Schublade beugt und sich fragt, wo um Himmelswillen du das Ding da aufgeschnappt hast, wie sie süße und weniger süße Entdeckungen macht, wie sie dies an ihre Wange schmiegt als sei es ein liebes Kätzchen und wie sie das eilig außer Sichtweite räumt. Wenn du morgens aufwachst, sind die Ungezogenheiten und bösen Leidenschaften, mit denen du zu Bett gegangen bist, ganz klein zusammengefaltet und sie liegen unten auf dem Grund deines Geistes und darüber sind deine schöneren Gedanken ausgebreitet – so stehen sie dir gut gelüftet zur Verfügung.“

(J. M. Barrie: Peter Pan, Kapitel 1)

„Er schläft wie ein Baby.“ So sagt man vielleicht über jemanden, der besonders entspannt, fest und friedlich schläft. Man verbindet damit Unschuld, Sorglosigkeit, Vertrauen, Geborgenheit.

In seinem Buch „Peter Pan“ stellt J. M. Barrie den Schlaf des Kindes in den Kontext der Gedankenordnung. Die Mutter sitzt bei jedem ihrer Kinder – nach der Reihe – am Bett und sortiert deren Gedanken. Morgens sind sie „aufgeräumt“ im doppelten Sinne des Wortes und sie können sich von ihrer besten Seite zeigen. Das, was also für ein Kind vielleicht zu Barries Zeiten (in England) besonders wichtig sein sollte – es sollte wohlerzogen sein, können diese Kinder voll erfüllen.

Viele Erwachsene, jene, die dem Nimmerland längst entwachsen sind, sind auch dem friedlichen Schlaf ihrer Kindertage entwachsen. Sie schlafen schlecht, wachen morgens entweder „zerknautscht“ auf oder „finden gar nicht erst zur Ruhe“.

Kinder, die nicht schlafen, nicht ausgeschlafen oder müde sind, quengeln, schreien, sind nicht belastungsfähig, fallen schnell wechselnd in emotionale Extreme und brechen irgendwann erschöpft zusammen. Wer Kinder hat, wird ein Lied davon singen können.

Müde Erwachsene weisen ganz ähnliche Verhaltensmuster auf mit dem Unterschied, dass ihnen ihre emotionalen Ausfälle, ihre Wechselhaftigkeit, ihre Leistungsunfähigkeit nicht verziehen wird, weil sie innerhalb ihres sozialen Umfeldes eine Verantwortung zu tragen haben und Erwartungen gerecht werden müssen. Gleiches gilt für die Arbeit.

Das Kind bricht erschöpf zusammen, der Erwachsene auch, aber das kann nun anders aussehen. Anders als dem Kind ist er in der Lage sich eine Reihe Ersatzbefriedigungen zuzuführen: Alkohol, Essen, Einkaufen, Drogen, Zigaretten. Die Liste lässt sich beliebig weiterführen. Diese Ersatzbefriedigungen lösen keineswegs das Problem des Schlafmangels, sondern stellen dem Menschen kurzfristig neue Kraftreserven zur Verfügung. Den Schlaf hingegen macht der Konsum dieser Mittel meistens sogar noch schlechter oder vertreibt ihn auch weiterhin.

Resultat: Zerknautscht, ruhelos, zerschlagen…

Kehren wir zurück zu Barrie: Das Kind schläft, die Mutter räumt auf und der nächste Tag ist geritzt. Wer sorgt nun für die Gedanken, wenn man der Kinderstube entwachsen ist? Wer sortiert und glättet, wer entwirrt, was heillos miteinander verknotet ist?

Der Erwachsene muss selbst diese Aufgabe übernehmen. Damit ändert sich freilich die Perspektive auf das eigene Leben entscheidend. Denn nun muss ich selbst unterscheiden und priorisieren – mit anderen Worten: mir klar werden über die eigene Lebenssituation. Das Kind weiß nur sehr begrenzt darüber Bescheid und akzeptiert die Vorgaben von Vater und Mutter recht selbstverständlich – auch, wenn ihm dieses oder jenes nicht immer passt.

Der Erwachsene ist gefordert seinen Lebensrahmen mitzugestalten und das bedeutet auch, sich darüber klar zu werden. Es entsteht dort Stress, wo man mit dem Leben „nicht mehr rechnen kann“, wenn man hinter jeder Biegung des Lebensweges von etwas Neuem überrascht werden kann. Unvorhersehbarkeit geht Hand in Hand mit Überforderung. Langfristige Überforderung bietet der Identifikation mit dem eigenen Versagen Vorschub und unterminiert das Selbstwertgefühl. Und plötzlich: Das Leben ist ein einziges Problem geworden und der Gedanke an den nahenden Morgen drückt einem das Herz zusammen.
Die Gedanken drehen sich im Kreis. Man kann nicht mehr von den drei, vier Gedanken lassen, die einen belagern ohne sie wirklich durchdenken zu können, denn die Ruhe fehlt.

Es fehlen: Sorglosigkeit, Vertrauen, Geborgenheit. Sind es doch diese drei Empfindungen, die den letzten Moment charakterisieren, bevor wir in den Schlaf hinüber gleiten.

Ist man jedoch nun in der Situation, dass man unter Schlafstörung leidet: wie stellt man dieses Zustand her? Zuerst hilft in solchen Situationen, sich in irgendeiner Form von den peinigenden Gedankenketten zu befreien, z. B. kann man sie aufschreiben und sie sich auf Papier gebannt vor Augen stellen – buchstäblich. Dadurch steckt man nicht mehr darin fest, sondern kann sich dazu verhalten.

Vielleicht sehen Sie hier auch eine Parallele zu Barries nächtlichem Aufräumen: Die Mutter, die die Verantwortung für das Wohl ihrer Kinder trägt, betrachtet sich die Dinge und sie hat eine Verbindung zu ihnen. Einige Gedanken erfreuen sie und andere machen sie traurig. Aber sie wirft nichts weg, sondern schaut es an und weist einem jeden seinen Platz im Kopf ihres Kindes zu. Die Mutter bleibt nicht fremd, sondern hat ein persönliches Interesse an den Gedanken – an allen Gedanken.

Diese Form der Sorgfalt beim Aufräumen ist getragen von der tiefsten persönlichen Bindung, die ein Kind – klassischerweise – haben kann. Der Beziehung zu seiner Mutter. Als Erwachsene sind wir selbst dann unsere intimste Bezugsperson, in dem Sinne, dass wir uns selbst am nächsten stehen. Kein anderer Mensch kann unsere Innenwelt wirklich beurteilen oder verstehen – nur wir selbst. Und so übernehmen wir, indem wir heranwachsen, die Aufgabe, unsere Innenwelt zu ordnen, zu strukturieren. Das bedeutet zuerst einmal: Angucken, was in einem los ist. Dazu verhilft einem das Niederschreiben.

Man sollte sich immer die zärtliche Sorgfalt jener Mutter in Barries Roman vor Augen halten: Sie schaut alles an. Wirft nichts fort. Lässt es zu, dass Dinge sie traurig oder fröhlich machen. Und gibt jedem Gedanken Platz.

Die Persönlichkeit ist kein Experiment, das man mit dem Ziel der Selbstoptimierung beliebig zurechtstutzen kann. Sie ist ein organisches Ganzes, die es auch im Ganzen zu akzeptieren gilt. Dazu gehören die blöden, peinlichen ebenso wie die schönen Dimensionen. Keine dieser Dimensionen ist jedoch unsere Persönlichkeit und darf unser Leben ausschließlich bestimmen.

Es niederzuschreiben, was uns nicht loslässt, löscht nicht, sondern stellt es uns gegenüber und weist diesen Dingen einen Platz in unserem Leben zu.

Wer seit Jahren an Schlafstörungen leidet, tut sicherlich gut daran, sich externe Hilfe bei einem Schlafexperten zu holen. Aber ist es nicht auch ein stärkendes Gefühl, wenn man selbst etwas Essentielles für sein Wohlbefinden beitragen kann? Regelmäßig am Abend den Tag Revue passieren zu lassen und die Gedanken schriftlich sortieren kann dabei helfen, besser einzuschlafen.

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